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Eine Nachsuche über neun Monate

Im Oktober des Vorjahres waren wir in einem Gebirgsrevier eingeladen, in dem nur lntervallbejagung statt­ findet. Unser Ansitz war schon erledigt, als uns per Funk die Bitte um eine Nachsuche erreichte. Ein Rehbock war beschossen worden, am Anschuss kaum Schusszeichen. Mein PRT Rüde Columbo von der Heulisse, mein 14jähriger Sohn Corvin und ich freuten uns auf Riemenarbeit und machten uns auf den Weg.  

Zwanzig Minuten später wurden wir von zwei ner vösen und traurigen Jägern empfangen. Sie waren froh, uns zu sehen und wiesen uns gut ein. Den Anschuss hatten sie gefunden, aber nicht vertre­ ten. Nach links oben sei der Bock im Schuss ab­ gegangen. Am Anschuss waren nur zwei Tropfen Schweiß und ein Stück Wildbret von der Breite eines Regenwurms mit vier Zentimetern Länge. Eigenartig, so etwas hatten wir noch nie. Columbo wartete elektrisiert zwei Meter hinter uns in Ge­ schirr und Schweißriemen. Ich studierte den An­ schuss mit einem großen LED-Scheinwerfer und fand nichts als dieses kleine Würmchen und diese zwei Tropfen Schweiß.

Wohl an, ,,such Columbo!", sagte ich und er machte sich an die Arbeit. Wenige Sekunden verblieb er am Anschuss, verwies auch nur die zwei Tropfen und das Würmchen und dann marschierte er nach links oben los wie auf Schienen. Sauber dachte ich, den hat er. Am langen Riemen stolperten wir hinterher, den Suchscheinwerfer auf den Boden gerichtet. Kein Schweiß, nichts. Columbo marschierte den­ noch zielstrebig weiter, nicht schnell, aber sicher. Na gut, der Hund hat immer recht. Das Gelände war mühsam. Offen zwar, aber die Förster hatten das Stangenholz auf Meter und weniger zusam­ mengeschnitten und es war feucht. Ein Wunder, dass wir uns nichts gebrochen haben, hingefallen sind wir oft genug.

Columbo marschierte zielstrebig, ich wurde skep­ tisch, kein Schweiß. Erst nach hundert Metern sah ich im Licht des Scheinwerfers einen kleinen Tropfen Schweiß mit weniger als einem Zentime­ ter Durchmesser. Der Hund hat immer Recht. Nach zwanzig Metern wieder und dann immer wieder, ein einziges Mal auch ein bisschen mehr als nur ein Tröpfchen. Der konnte ja nicht mehr weit sein. Nach 320 Metern noch ein kleiner Tropfen und dann ein Kessel ohne Schweiß. Wundbett konnte man das nicht nennen. Columbo hob zum ersten Mal die Nase und machte den Eindruck als würde er sich wundern, wie das Stück einfach so weg­ fliegen konnte. Er warf immer wieder auf und ging wieder mit der Nase tief auf den Boden, blieb aber im Kessel. Dann setzte er sich hin und sah mich an. ,,Herrchen, Wundfährte aus!", verstand ich sei­ ne Reaktion jedenfalls. Ein Streifschuss der hier trockengeleckt wurde und verheilte? Es wäre ge­ nug Zeit dafür gewesen. Wir kamen zwei Stunden nach dem Schuss dort an. Richtig verstehen konn­ ten wir alle drei es nicht. Wir setzten noch eine GPS-Markierung und machten uns auf den Rück­ weg auf dem ich noch dreimal stürzte. Zum Glück blieben wir unverletzt. Am nächsten Morgen woll­ ten wir weitersuchen, wurden aber gebeten, nicht mehr ins Revier zu fahren. Ein Jahrhundertsturm war aufgezogen, der Heimweg dauerte wegen vie­ ler umgestürzter Bäume zwei Stunden länger.

Diese Nachsuche ließ mir keine Ruhe. Zu Hau­se angekommen studierte ich alle Bücher und kontaktierte Freunde mit mehr Erfahrung und Nachsuchenprofis. Streifschuss, nach 320 Me­ ter Flucht im „Wundbett" saubergeleckt und nach zwei Stunden als Gesundfährte weitergezo­ gen, als wir anrückten und von weitem mit dem Scheinwerfer zu sehen waren. Das war die einzige Erklärung. Zufrieden war ich damit nicht.

Neun Monate vergingen. Wir wurden wieder ein­ geladen. Meine Tochter war sechzehn geworden, hatte vor einer Woche die Jagdprüfung bestanden und begleitete mich. Das Intervall begann Ende Juli. Der Förster sagte, jemand hätte ihm von einem Bock erzählt, der vielleicht humpelt. ,,Das ist er!", dachte ich mir und bat darum, dort an­ sitzen zu dürfen, wo wir damals die Nachsuche machten. Gesagt, getan. Meine Tochter und ich sprachen noch darüber, ob sie schießen würde. Sie war sich nicht sicher. Wir ließen es darauf an­ kommen. ,,Der kommt um 20:1 O Uhr sagte ich, wenn er humpelt, ist er langsam und kommt frü­ her als ein gesundes Stück". Um 20:05 Uhr war er da. Vorsichtig und überraschend stark, richtig kräftig. Wir sahen ihn nicht kommen. Beim An­ sprechen ließ ich mir Zeit. Er humpelte, einen Vorderlauf benützte er gar nicht. Meine Tochter war sich nicht sicher, ob sie schießen will, also schoss ich sobald er angesprochen war. Diesen Bock würde ich auf keinen Fall ziehen lassen. Die Kugel saß hochblatt, er verendete im Feuer und schlegelte nicht. Ich atmete tief durch. Der Kreis hatte sich geschlossen.

Wir warteten zehn Minuten um ihn sicher in Ruhe verenden zu lassen und dann baumten wir ab. Für Columbo fingierten wir eine Minisuche, legten ihm Geschirr und Riemen an, unser kleines Ritual. Da lag er, richtig stark. Das Rätsel war schnell ge­ löst. Die Kugel hatte ihm damals nur die Trizeps­ sehne eines Vorderlaufs durchtrennt. Das war sehr schnell verheilt, aber der Bock konnte den Lauf nicht mehr belasten. Er war offenbar den­ noch einigermaßen durch den Winter gekommen. Als Erinnerung schenkte er uns eine besondere Trophäe, ein ungerader Zehner. Obwohl die Mus­ kulatur auf einer Schulter vollständig degeneriert war, man konnte die Schulter einfach aufklappen, brachte der Bock aufgebrochen mit Haupt 18,4 Kg auf die Digitalwaage.

Es war ein durch und durch glücklicher Abend. Columbos Arbeit wurde bestätigt, der Bock erlöst und meine Tochter Chiara erlebte einen von A-Z perfekten Hegeabschuss, auch das Aufbrechen gelang perfekt. Waidmannsglück mit einem guten Parson Russell Terrier!

 

Raoul Wagner & Columbo

 

Autor: Dr. Raoul Wagner

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